Der Trafo-Friedhof
Das Ende vom Lied: Abgerissene Trafotürme
Die fortschreitende Modernisierung der Stromnetze, die zunehmend unterirdische Verlegung der Kabel (zunächst in den Städten,
jetzt mehr und mehr auch auf dem Land) bringt oft genug den Abriss von Trafohäuschen mit sich, leider in vielen Fällen
auch von Türmen, die architektonisch und technikgeschichtlich ausgesprochen interessant sind und erhaltenswert gewesen wären.
Aufgeschlossene, weitsichtige und kooperative Energieversorgungsunternehmen lassen den Erhalt von stillgelegten Trafotürmen als
Baudenkmal oder
Museum,
für den Naturschutz, als
Kunstobjekte
oder für anderweitige Verwendungen
wie z.B. Bushaltestellen zu - dies sind jedoch leider lediglich Ausnahmen. In der Regel wird abgerissen.
Die letzten Fotos 2011 der Trafostation Güterbahnhof Radolfzell
/ Bild rechts: nach dem Abriss 2011
Abgerissen wurde nicht etwa die alte Station, sondern die neue, mit Graffiti verzierte
Die letzten Fotos 2010 des Trafoturms von Sulzdorf
/ Bilder rechts: Abriss Anfang Februar 2011
Die letzten Fotos 2008 vom Trafoturm Vorstadt
/ rechtes Bild: nach dem Abriss Februar 2010
Die letzten Fotos eines
Trafoturms in Donauwörth aus dem Jahr 1926
- abgerissen im Jahr 2008
Links das letzte Foto 2008 des
Trafoturms von Kalkofen
- abgerissen ca. 2010 (rechtes Bild 2011)
"Innovation", "Modernisierung", "Update", "zeitgemäß", "unrentabel" ... sind die großen Schlagworte des
21. Jahrhunderts. Altes wird vernichtet, um neuem Platz zu machen. Dabei steht dann meist nicht zur Debatte, ob das neue auch besser
ist als das alte. Es muss nur "neuer" oder eben "zeitgemäßer" sein - und: es muss "sich rechnen", sprich Gewinne abwerfen.
Die alte Ingenieurskunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehört der Vergangenheit an. Damals wurden Bauwerke errichtet,
die hunderte von Jahren alt werden können. Heutzutage werden oft genug "einstürzende Neubauten" produziert, Hallen, die bei
Schneefall einstürzen, öffentliche Gebäude, die nach nicht einmal Jahrzehnten wegen Kontaminierung mit chemischen und
physikalischen Giften abgerissen oder saniert werden müssen, brüchige Betonbrücken, etc. etc.
Man denke beispielsweise auch an Stuttgart 21: der geplante neue unterirdische Bahnhof wird nicht einmal ansatzweise so alt werden
wie das alte überirdische Kopfbahnhofgebäude.
Die meisten der innovativen Segnungen verdanken wir dem Diktat der Ökonomie, genauer gesagt der Betriebswirtschaft, die sich
in unserer Zeit des Neoliberalismus, der Habgier, des Egoismus und der Deregulierung zur selbsternannten Herrscherin
über Demokratie und Vernunft, über Wissenschaft und Gemeinwesen, über Menschlichkeit und die
gesamte Schöpfung aufgeschwungen hat.
Geht es bei der Energieversorgung noch um Infrastruktur, um Gemeinwohl, darum, daß es uns allen gut geht? Geht es nicht in erster
Linie um die Gewinne der Konzerne, um Bilanzen, Quartalsberichte, Spekulation an der Börse, Profitoptimierung? Nach dem Motto: Nach uns
die Sintflut - kann alles ruhig gesundheitsschädlich, unpraktisch, kurzlebig und hässlich sein, Hauptsache die Kasse stimmt?
Text: Siegwardt Puerrhus (Puerrhus ist
Trafograph der ersten Stunde,
Katastrophenmaler, Installationskünstler und Tierschützer)
© Copyright für die Bilder
bei den Fotografen und Fotografinnen
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Stand: 5. November 2011
Carpe diem
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